aus dem leben einer socke


Tag 1:

Dunkel und wohlig ist es in unserer Kommode, es ist Nacht und wir liegen aufeinander gestapelt, fein säuberlich zu Paaren sortiert, und erwarten geduldig den neuen Tag.
Durch die Ritzen der Schublade fällt Licht ein, es ist Morgen und sie hat die Vorhänge aufgezogen.
Nicht lange dauert es, bis sie die Schublade aufzieht und wir uns in der Helligkeit des Morgens baden, alle zeigen sich von ihrer besten Seite in der Hoffnung, heute von ihr ausgewählt zu werden.
Gespannt folgen unsere Blicke ihrer Hand, die zielsicher in die Schublade greift, näher und näher kommt sie heran, und hurra, tatsächlich werden wir sanft gefaßt und auf ihr Bett gelegt.
Ihre Füße sind frisch geduscht, sie glänzen noch von der Lotion, nach der sie zart duften, die Nägel glatt gefeilt und unlackiert, ganz wie wir es lieben. Wir sind ein Paar zartrosa Söckchen mit weißem Ringelmuster, leicht vom Stoff und dennoch anschmiegsam. Nun werden wir getrennt und nacheinander übergezogen, erst links dann rechts; ihre große Zehe verhakt sich kurz im Stoff und der feuchte Cremefilm bremst leicht die Bewegung, mit der sie uns über den Fußrücken zieht, und dann sitzt alles perfekt und wir sind abmarschbereit.
Wir begleiten sie zur Arbeit, erst schnellen Schrittes zur U-Bahn, dann gemäßigt ins Büro, wo wir uns bis zum Mittag ausruhen können. Spät am Nachmittag geht sie noch in den Supermarkt, dann zurück in die Wohnung. Sie ist erschöpft von der Woche und geht früh zu Bett. Wir landen mit ihrer übrigen Wäsche über dem Badewannenrand und verbringen eine erholsame Nacht.

Tag 2:

Nun ist Wochenende, und eine Shopping-Tour durch die Stadt ist angesagt.
In ihren flotten Sneakers flaniert sie von Geschäft zu Geschäft, sie braucht neue Stiefel und wird nicht müde, dutzende Male ihre Sneakers aus- und verschiedene Stiefel anzuziehen, bis sie sich endlich für ein Paar aus braunem Wildleder entscheidet, die ihr fast bis zu den Knien gehen und genügend Platz lassen, um die Jeans darin zu verstauen.
So langsam geht uns die Luft aus, dieser Samstag war anstrengend und die vielen fremden Schuhe, die vor ihr weiß Gott wie viele Frauen schon anprobiert haben, haben ihre Spuren hinterlassen: wir sind verschwitzt und an Zehen und Ferse verfärbt, eines der schwarzen Ledermodelle scheint abgefärbt zu haben. Wir freuen uns auf eine Reise in den Wäschekorb, um bald frisch gewaschen und wohlriechend wieder in der Schublade zu liegen.
Doch die Realität sieht anders aus. Erst geht sie bis spät in die Nacht in eine Discothek tanzen, dann legt sie uns wieder ins Badezimmer auf die Badewanne, wo es empfindlich kalt ist, da sich diesmal kein andere Kleiderstück zwischen uns und der Wanne befindet.

Tag 3:

Das unglaubliche geschieht: obwohl sie lange geschlafen hat und einigermaßen nüchtern wirkt, werden wir erneut über ihre Füße gestülpt, die weder sonderlich gewaschen noch gecremt sind, doch das ist unserem Zustand gerade mal angemessen, denn man kann nicht verheimlichen, daß wir stinken. Den ganzen Tag haften wir an ihren Füßen, müssen einen ausgedehnten Waldspaziergang ertragen und stellen fest, daß der Stoff an der rechten Großzehe gefährlich dünn wird.
Am Abend ist es passiert, die große Zehe schaut heraus, die Socke hat ein Loch, und zwar kein kleines. Das dürfte unser Todesurteil sein, der Freibrief in den Mülleimer, die Reise ohne Wiederkehr.
Erneut bleibt ihr Handeln unbegreiflich, sie packt uns alle beide, dreckig und zerknüllt wie wir sind, in einen Plastikbeutel, den sie verschließt und in ein braunes Briefkuvert steckt, das zugeklebt und auf die Garderobe neben der Eingangstür gelegt wird.
So vergeht eine weitere Nacht.

Tag 4:

Die neue Woche hat begonnen und sie nimmt uns mit aus dem Haus, diesmal nicht an den Füßen, sondern im Kuvert in ihrer Tasche. Auf dem Weg zur U-Bahn bleibt sie stehen, wir hören eine Klappe, fallen für den Bruchteil einer Sekunde und landen weich auf einem Kissen aus anderen Briefen und Postkarten.
Wenig später werden wir in einen Behälter gekippt und fahren in einem Auto durch die Stadt.
Von der nächsten Station bekommen wir nur mit, daß uns eine hektische Frauenhand mit einer kraftvollen Bewegung einen Stempel verpaßt und das Kuvert in eine weitere Kiste wirft, wo es bis zum nächsten Morgen verbleibt.

Tag 5:

Sehr früh beginnt heute die Reise, dem Geräusch nach zu urteilen auf einem Fahrrad.
Der Fahrer steigt ab, nimmt unser Kuvert aus der Tasche und wirft uns ein weiteres Mal durch eine Klappe, die allerdings klein und leer ist.
Kurze Zeit später ist das Drehen eines Schlüssels im Schloß der Klappe zu hören, und eine freundliche Männerstimme ruft: "Wow, das ging aber schnell, diese Frau ist einfach die Beste!"
Das Kuvert wird aufgerissen und der Mann starrt uns in dem Plastikbeutel an, wie ein paar Goldfische im Aquarium. Entsetzt nehmen wir die Größe seiner Füße wahr, das kann nicht gutgehen, auf keinen Fall.
Seine Hände öffnen den Beutel und er kommt ganz nahe mit seinem Gesicht an die Öffnung heran, er nimmt uns heraus, er beschnüffelt uns, er lächelt uns an, er freut sich, er..., er....
Was waren wir für naive Söckchen, damals bei ihr in der Schublade.
Völlig unbekannt war uns diese Vielfalt der Gebrauchsmöglichkeiten, die einer Socke offenstehen.
Wir haben uns an den freundlichen Mann und unser neues Leben gewöhnt, haben in den nächsten Wochen einige unserer früheren Schubladennachbarn wiedergetroffen, die alle denselben Weg durchlaufen haben wie wir.
Unserer damaligen Besitzerin sind wir nie wieder begegnet - genauso wenig wie einer Waschmaschine.


© 2006 chanel

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